White Album: Dear Prudence

Es gibt diesen unglaublichen Moment in der Orgelfuge C-Dur von Bach (BWV 547), gegen Ende, wenn das Thema zum ersten Mal in voller Wucht und Majestät vom tiefen Pedal-Bass gespielt wird. Der hat die gesamte Fuge über bis zu genau diesem Moment geschwiegen – und spielt dann das Thema nicht etwa so, wie es die vier anderen Stimmen vorher gespielt haben, sondern er schickt jede einzelne Note exakt doppelt so lange durch die gerade zur Verfügung stehende Kathedrale, als ginge ihn Zeit und Raum nicht viel an, eine barocke Superzeitlupe für die Ohren.

Und man sitzt leicht fassungslos inmitten des majestätischen Dröhnens, hört, wie die oberen Stimmen das eigentliche Thema der Fuge und alle Motive der letzten 3 Minuten noch einmal (so abgedroschen das klingt) jubelnd in die Höhe werfen und verliert spätestens hier alle Lust, distanziert und kühl auf die Bach´schen Ton-Mathematik zu blicken. Man hat gerade eh´ besseres zu tun, Gänsehaut auf der Seele und vielleicht sogar “was im Auge“…

Das, was Bach hier am Ende des Stückes, im für uns Normaldenker kaum zu erfassenden Gewebe einer fünfstimmigen Fuge tut, dieses plötzliche, hypnotische Verdoppeln der Zeit nennt sich musiktheoretisch „Vergrößerung“ und vollbringt das erstaunliche Kunststück, durch Verlängerung (also eigentlich: Entzerrung) eines Themas seine maximale Intensivierung hervorzurufen.

Ich bin mir sicher, dass John Lennon die C-Dur Fuge nicht kannte. Und wenn er sie kannte, dann hat er auf jeden Fall nie etwas von einer Technik namens „Vergrößerung“ gehört.
 Aber genau diese Technik wendet er am Ende von Dear Prudence an. Nicht im Geflecht einer beinahe größenwahnsinnigen Fugenkonstruktion sondern nur als Finale eines kleinen, netten Popsongs.

Aber die Wirkung ist in etwa dieselbe.

Dear Prudence, geschrieben 1968 von John Lennon im Meditationscamp des Mahareshi Yogi in Indien ist im Grunde eine einzige, um sich selbst kreisenden 2,5-Ton-Melodie, begleitet von einer ähnlich monotonen, ewig wiederkehrenden, ewig absteigenden Basslinie, die nur ab und zu durch eine einfache Kadenz etwas aufgelockert wird.
 Die kleine und natürlich ebenfalls absteigende Gitarrenfigur, die John in der frisch von Donovan erlernten Picking-Technik dazu spielt (der war praktischer Weise auch gerade praktizierender Yogi-Fan und vor Ort), ist genau so seelenruhig mit sich selbst beschäftigt, wie der Rest des Stücks.
 Das passt gut zum Text, zu Johns geduldiger, unermüdlicher, dutzendfach wiederholter Einladung an Prudence, ein Mädchen, dass partout nicht zum Spielen oder besser: zu ihm herauskommen will (die Story dahinter heben wir uns für später auf…).
 Und so kreist das Stück meditativ vor sich hin, um sich selbst und um die zögerliche Prudence, am Leben erhalten von Paul McCartneys pulsierenden Bass- und Schlagzeugspiel.

Aber es wären nicht die Beatles und es wäre nicht das White Album wenn sie den Song nicht noch in eine andere, höhere Umlaufbahn schießen würden, so wie sie es mit den eingestreuten 3/4 Takten in „All you need is Love“ oder der Blaskapelle in der Intro von „Sergeant Pepper“ getan haben.

Ganz am Ende, nachdem John schon alle Register seiner Überredungskunst gezogen hat („Look around!“) und an ungefähr der gleichen Stelle, an der Bach nach einem zögernden, Atem holenden Zwischenspiel den Orgelbass im halben Tempo von der Leine lässt, beginnt das kleine Wunder:

Nach einem unruhigen, vom Schlagzeug zertrommelten Zwischenspiel, das zugleich auf der Stelle tritt und Spannung aufbaut, beginnt Paul wieder seine übliche Abwärts-Figur zu spielen.
 Aber diesmal, wie bei Bach, erklingt jeder Ton seines Bass-Themas plötzlich doppelt so lang wie zuvor, pulsierend – treibend, mit vielen Anschlägen zwar – aber vor allem exakt halb so schnell, oder doppelt so lang, oder wie auch immer man es nennt.
 Und über diesen Abstieg (man weiß nicht genau warum, aber er ist triumphal) setzen die E-Gitarren ein mit etwas, das Komponisten „Gegenbewegung“ nennen: eine Melodie, die höher und höher aufsteigt, je tiefer der Bass in die Tiefe schlendert. In Sekunden wächst der eigentlich enge Tonraum über sich hinaus, das Schlagzeug treibt, das Klavier hämmert, der Backgroundchor Aaaahht! einen 3 stimmigen Heiligenschein drumherum und alles ist erlöst, lächelnd, fast euphorisch. Wir sitzen in einer kleinen, nur vier Takte dauernden Pop-Kathedrale, grinsend über beide Ohren, und gleichzeitig, auf eine leicht bekiffte Art, in Andacht versunken.

Bach hätte sich gefreut.