20 Jahre Städtische Werke Magdeburg

[Ein knorrig-sympathisches Unternehmen, geboren in den Wende-Wirren des wilden Ostens, ein Vorstandssprecher, der genügend Stories für ein Buch hätte und ein – Buch. Ein Kleines: Die Chronik der SWM in 9 Schlaglichtern. Hier das 2. Kapitel:]

Checkpoint Charly
04. Juni 1992, Julius-Bremer-Straße, Magdeburg

War heute mal wieder bei Charly in seinem Plattenbau-Büro in der Julius-Bremer-Straße. Mein Auto findet den Weg dorthin immer noch von allein. Kein Wunder, so oft wie ich hier war um mit Charly über alles zu reden. Über wirklich alles:
Vorurteile über Wessis und Ossis natürlich, den Einigungsvertrag und Vermögensfragen, die Wasserqualität der Elbe und was da eigentlich früher an der Wand über seinem Schreibtisch gehangen hatte, wo jetzt nur noch ein Nagel und ein grauer, rechteckiger Umriss zu sehen sind. Wahrscheinlich Honecker, obwohl das überhaupt nicht zu Charly passen würde.
Denn Charly heißt mit bürgerlichem Namen Alfred Westphal und ist einer der kritischsten und wortgewaltigsten Köpfe der Magdeburger Politik, also nicht gerade jemand, der der DDR mit verklärten Augen hinterher trauert.
Was allerdings nicht bedeutet, dass er mit naiver Euphorie jede Idee aus dem Westen automatisch in seine Arme schließt.
Ganz im Gegenteil.
Charly sitzt für die Grünen im Stadtrat und hat sehr lange sehr wenig von dem geplanten Konstrukt der SWM gehalten. Das hätte den Abstimmungserfolg pro SWM wohl nicht gefährdet, aber wir wollten für die SWM keine „gerade-mal-eben-so“-Mehrheit im Stadtrat haben, sondern eine breite, belastbare, parteienübergreifende Zustimmung – und Charly war einer der Schlüssel dazu.

Ich weiß nicht, wie oft wir nach Feierabend bei ihm in seinem kargen Büro auf knarrenden Stühlen zwischen Resopalschränken gesessen und diskutiert haben. Es ging um die Frage, ob, wie und mit wem die neuen Stadtwerke gegründet werden sollten, vor allem aber um die Eigentumsverhältnisse. Dass profitgierige westdeutsche Konzerne, die in Charlys Augen auch nicht automatisch besser waren als ineffiziente ostdeutsche Kombinate, Miteigentümer werden sollten, passte ihm zuerst gar nicht.
Klar, die „Privaten“, wie wir sie nannten, würden nicht mehr als 49% der Anteile besitzen (das war seit dem von Werner Müller vorhergesehenen Urteil des Bundesverfassungsgerichtes möglich), aber was, wenn z.B. große Investitionen nötig wären? Wenn sich die Privaten dank ihrer Finanzkraft durch die Hintertür eine Mehrheitsposition verschafften? Wie konnte sichergestellt sein, dass keine wesentlichen Entscheidungen gegen die Stadt getroffen werden konnten? War den Konzernen überhaupt zu trauen?
Da prallten manchmal Vor- und sonstige Urteile hart aufeinander.
Mit Überredung oder tollen Slogans war bei Charly allerdings nix zu holen. Er war durch 40 Jahre SED-Eigenwerbung immunisiert und vertraute nur noch auf seinen Instinkt und seinen Scharfsinn. Das Verrückte bei unseren Gesprächen war, dass er, während ich glaubte, ihn langsam auf unsere Seite zu ziehen, mich von immer mehr seiner Ideen und Vorschläge überzeugte.
Am Ende hatten wir beide eine ganze Menge Vorurteile weniger, er die Verträge in vielen Dingen beeinflusst, und wir seine Zustimmung. Noch immer etwas zähneknirschend, aber das war wohl mehr so aus Gewohnheit.
Durch das Sitzungsprotokoll der Stadtverordnetenversammlung zu der entscheidenden Abstimmung über die SWM-Verträge wehte dann auch ein Hauch der mehr oder weniger guten alten Zeiten:
Bei 109 abgegebenen Stimmen gab es keine Gegenstimme.
Nicht eine Einzige.
Bis auf ein paar Enthaltungen waren alle von der Entscheidung überzeugt. Und das hatten wir nicht durch Druck oder Fraktionszwang erreicht, sondern durch unendliche Mengen an Argumenten und Kaffee.

Heute wollten Charly und ich dieses Ergebnis nachträglich feiern. Ich bin wie immer durch das Treppenhaus die vier Stockwerke zu ihm heraufgelaufen, umweht von dem vertrauten Duft nach Bohnerwachs und Halberstädter Bohnensuppe und als Charly die Tür aufmachte, blubberte irgendwo hinter der angelehnten Tür der Teeküche schon wieder die alte AKA K 108 des VVB „Elektrische Konsumgüter“ vor sich hin.
Mein Magen zog sich zusammen in Erwartung des Gebräus, das das Gerät wieder ausbrüten würde und in der Tat, der Kaffee war von altvertrauter Ungenießbarkeit. Aber die nächsten zweieinhalb Stunden mit Charly entschädigten mich reichlich für alles, was ich da meinem Magen antat.
Als ich beim Abschied noch mal kurz aus nostalgischen Gründen einen Blick in die Teeküche warf, blubberte da gar keine AKA K 108 sondern eine niegelnagelneue Kaffeemaschine aus eindeutig westdeutscher Produktion vor sich hin.

So viel zum Thema Vorurteile.