Das Buch des Wandels

15 Essays über den Wandel und warum er das Beste ist, was uns passieren kann.

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DSC_4672Buch-Idee und Sparringsfreund:
Ralf Grauel
Agentur:
Ralf Grauel Strategic Publishing Mutabor
Kunde:
Clariant SE

 

 

 

 

 

 

 

 

Introduktion

Von Menschen, Mauern und Windmühlen

Wenn Sie dieses Büchlein zu Ende gelesen haben, werden Sie jemand anderes sein. Buchstäblich. Ungefähr 50 Millionen Zellen ihres Körpers werden sich in dieser Zeit durch das Reiben Ihrer Jeans, das Schneuzen ihrer Nase oder durch simples Sterben lautlos und endgültig von Ihnen verabschiedet haben.

Und zwar pro Sekunde.

Und ja, auch der Kuss, der ihnen heute morgen zum Abschied auf die Wange gedrückt wurde, hat sie Pi mal Daumen eine dreistellige Millionenzahl von Zellen gekostet. Aber keine Angst: In derselben Zeit wachsen ebenso viele Zellen nach und sorgen dafür, dass sie sie bleiben, abzüglich, zugegeben, etwas Schwund.

Es gehört also zu den Tatsachen des Lebens, dass wir – und der Rest des Universums – aus jeder neuen Sekunde verwandelt hervorgehen.

Schlau ist, wer das weiß. Noch schlauer ist, wer das nutzt. Denn dann kann man Wandel nicht nur als mal euphorischer, mal ratloser Zuschauer erleben, dann kann man Teil von ihm sein, ihn sich zu nutze machen oder, die beste aller Haltungen: ihn selbst vorantreiben.

„Wenn der Wind des Wandels kommt…“ so beginnt ein berühmtes chinesisches Sprichwort, um uns dann zwei Möglichkeiten des Umgangs mit ihm zu aufzuzeigen: „…bauen die einen Schutzmauern, die anderen Windmühlen.“
Gut gefaucht, Drache! möchte man sagen, allerdings waren die Chinesen selbst, trotz der Weisheit ihrer Sprichwort-Schreiber ganz eindeutig dem Bau von Mauern zugeneigter: Jeder, der schon einmal die Aufnahmen unseres Planeten betrachtet hat, kennt die Ausmaße des gigantischsten Bauwerks der Menschheitsgeschichte, der Chinesischen Mauer. 21.000 Kilometer großartige, steingewordene Sehnsucht nach dem Status Quo. Und keine Windmühlen weit und breit.

Nicht, dass die Mauer langfristig viel genützt hätte. Am Ende konnte selbst dieses Weltwunder den Wandel, der in Form von mongolischen Reitern von Norden her angeritten kam, nicht aufhalten.

Wandel, das hat am Ende noch jede Kultur für sich entdeckt, ist eben keine zufällige Störung der natürlichen Ordnung der Dinge, die schon von selbst wieder aufhören wird, wenn man nur lange genug die Luft anhält.

Wandel IST die natürliche Ordnung der Dinge.

Denn Wandel ist einfach – da. Immer und überall. Er durchdringt jede Galaxie, jede Zelle, jedes Molekül. Er findet sich in den Gezeiten der Schlipslängen, den Verschiebungen der Kontinentalplatten, tüftelt in kalifornischen Garagen oder reitet auf mongolischen Ponys heran.

Heraklit besang ihn mit seinem panta rhei, dem „Alles fließt“, die moderne Quantenphysik bastelt Superstring-Theorien, um ihm auf die Schliche zu kommen und wir selbst erhaschen manchmal einen unverstellten Blick auf seine unwiderstehliche Kraft, wenn wir unsere zahnenden Kleinkinder ertragen.

Gegen den Wandel helfen also keine Mauern. Vielleicht sollten wir uns einfach darauf konzentrieren, mehr Windmühlen in die Welt zu setzen?

Love Poem

Auftragsarbeit für die Denim Herbstkampagne von New Yorker.

She´s here with me now

 She´s here with me now
and that´s all I need
to stand up and fight
and laugh while I bleed

 to stand up and be
the man that she needs
my thoughts are all hers
and so are my deeds

 my wounds and my hunger
my bones and my soul
she touches it all
making me whole

 she touches my fears
my dreams, my desire
between our skins
dragons breathe fire

 between our eyes
there´s a blizzard of trust
she´s all that I see
´til all turns to dust

between our hearts
there´s a whispered vow
to conquer it all
she´s here with me now

20 Jahre Städtische Werke Magdeburg

[Ein knorrig-sympathisches Unternehmen, geboren in den Wende-Wirren des wilden Ostens, ein Vorstandssprecher, der genügend Stories für ein Buch hätte und ein – Buch. Ein Kleines: Die Chronik der SWM in 9 Schlaglichtern. Hier das 2. Kapitel:]

Checkpoint Charly
04. Juni 1992, Julius-Bremer-Straße, Magdeburg

War heute mal wieder bei Charly in seinem Plattenbau-Büro in der Julius-Bremer-Straße. Mein Auto findet den Weg dorthin immer noch von allein. Kein Wunder, so oft wie ich hier war um mit Charly über alles zu reden. Über wirklich alles:
Vorurteile über Wessis und Ossis natürlich, den Einigungsvertrag und Vermögensfragen, die Wasserqualität der Elbe und was da eigentlich früher an der Wand über seinem Schreibtisch gehangen hatte, wo jetzt nur noch ein Nagel und ein grauer, rechteckiger Umriss zu sehen sind. Wahrscheinlich Honecker, obwohl das überhaupt nicht zu Charly passen würde.
Denn Charly heißt mit bürgerlichem Namen Alfred Westphal und ist einer der kritischsten und wortgewaltigsten Köpfe der Magdeburger Politik, also nicht gerade jemand, der der DDR mit verklärten Augen hinterher trauert.
Was allerdings nicht bedeutet, dass er mit naiver Euphorie jede Idee aus dem Westen automatisch in seine Arme schließt.
Ganz im Gegenteil.
Charly sitzt für die Grünen im Stadtrat und hat sehr lange sehr wenig von dem geplanten Konstrukt der SWM gehalten. Das hätte den Abstimmungserfolg pro SWM wohl nicht gefährdet, aber wir wollten für die SWM keine „gerade-mal-eben-so“-Mehrheit im Stadtrat haben, sondern eine breite, belastbare, parteienübergreifende Zustimmung – und Charly war einer der Schlüssel dazu.

Ich weiß nicht, wie oft wir nach Feierabend bei ihm in seinem kargen Büro auf knarrenden Stühlen zwischen Resopalschränken gesessen und diskutiert haben. Es ging um die Frage, ob, wie und mit wem die neuen Stadtwerke gegründet werden sollten, vor allem aber um die Eigentumsverhältnisse. Dass profitgierige westdeutsche Konzerne, die in Charlys Augen auch nicht automatisch besser waren als ineffiziente ostdeutsche Kombinate, Miteigentümer werden sollten, passte ihm zuerst gar nicht.
Klar, die „Privaten“, wie wir sie nannten, würden nicht mehr als 49% der Anteile besitzen (das war seit dem von Werner Müller vorhergesehenen Urteil des Bundesverfassungsgerichtes möglich), aber was, wenn z.B. große Investitionen nötig wären? Wenn sich die Privaten dank ihrer Finanzkraft durch die Hintertür eine Mehrheitsposition verschafften? Wie konnte sichergestellt sein, dass keine wesentlichen Entscheidungen gegen die Stadt getroffen werden konnten? War den Konzernen überhaupt zu trauen?
Da prallten manchmal Vor- und sonstige Urteile hart aufeinander.
Mit Überredung oder tollen Slogans war bei Charly allerdings nix zu holen. Er war durch 40 Jahre SED-Eigenwerbung immunisiert und vertraute nur noch auf seinen Instinkt und seinen Scharfsinn. Das Verrückte bei unseren Gesprächen war, dass er, während ich glaubte, ihn langsam auf unsere Seite zu ziehen, mich von immer mehr seiner Ideen und Vorschläge überzeugte.
Am Ende hatten wir beide eine ganze Menge Vorurteile weniger, er die Verträge in vielen Dingen beeinflusst, und wir seine Zustimmung. Noch immer etwas zähneknirschend, aber das war wohl mehr so aus Gewohnheit.
Durch das Sitzungsprotokoll der Stadtverordnetenversammlung zu der entscheidenden Abstimmung über die SWM-Verträge wehte dann auch ein Hauch der mehr oder weniger guten alten Zeiten:
Bei 109 abgegebenen Stimmen gab es keine Gegenstimme.
Nicht eine Einzige.
Bis auf ein paar Enthaltungen waren alle von der Entscheidung überzeugt. Und das hatten wir nicht durch Druck oder Fraktionszwang erreicht, sondern durch unendliche Mengen an Argumenten und Kaffee.

Heute wollten Charly und ich dieses Ergebnis nachträglich feiern. Ich bin wie immer durch das Treppenhaus die vier Stockwerke zu ihm heraufgelaufen, umweht von dem vertrauten Duft nach Bohnerwachs und Halberstädter Bohnensuppe und als Charly die Tür aufmachte, blubberte irgendwo hinter der angelehnten Tür der Teeküche schon wieder die alte AKA K 108 des VVB „Elektrische Konsumgüter“ vor sich hin.
Mein Magen zog sich zusammen in Erwartung des Gebräus, das das Gerät wieder ausbrüten würde und in der Tat, der Kaffee war von altvertrauter Ungenießbarkeit. Aber die nächsten zweieinhalb Stunden mit Charly entschädigten mich reichlich für alles, was ich da meinem Magen antat.
Als ich beim Abschied noch mal kurz aus nostalgischen Gründen einen Blick in die Teeküche warf, blubberte da gar keine AKA K 108 sondern eine niegelnagelneue Kaffeemaschine aus eindeutig westdeutscher Produktion vor sich hin.

So viel zum Thema Vorurteile.

 

Blogistics

[Ghostwriting for the Chief Cargo Officer of Swiss Airlines, Oliver Evans. 75 Blogs already published: swissworldcargo.com/blogistics]

Imagine we fail
Oliver Evans on Friday, February 4th, 2011 10:30 AM

What would the world in, say 2025 look like if we fail as an industry to implement e-Freight once and for all, full scale, round the globe? Well, nobody knows obviously, but I wouldn´t be the least surprised, if by 2025 many of us will have conversations much like this one:

Madeleine (my yet to be born granddaughter, then 10 years old): “Hi Granddad, what´s that you´re doing?”
Me: “Oh well, just a bit of work…”
Madeleine: “I can see that!” (Sally is smart and she knows it) “But you are using paper!” She pronounces “paper” like we today would pronounce “child labour”.
Me: “Yes, hum, tja, it´s paper, right.”
Madeleine: “But… is this legal? I mean, it´s made out of trees, isn´t it?” After saving the Siberian tiger, most of the whales and thousands of other endangered species, mankind has lately turned to saving forests which makes paper the ebony of the 2020’s.
Me: “Yes, my dear, it is legal, we do have a special permission and…”
Madeleine (wrinkling her little nose): But it´s so…, so old-fashioned, Granddad! Didn´t you just buy two of those super-cool new hypersonic freighter planes that burn only hydrogen and fly without pilots? Those are awesome! My teacher says, they do not produce any emissions at all! That´s good for the trees – and for us!” I told you, she´s smart.
Me: “Yes, well, not me personally, but our company bought them, that´s right.”
Madeleine: “And you still use paper to tell everybody, what´s on board of these planes, where it goes to, and all that?” She knows all about my job.
Me: “You know, it is complicated…”
Madeleine, looking me expectantly in the eye: “Yes?”
Me: “Well, sweetie, actually…”
Madeleine, looking very disappointed to her mother, who just entered my little home office, saying in that accusing voice of hers: “Mom, Grandpa is killing trees and it´s good for nothing!”
Me: “Oh come on, that´s not fair! We always used paper and it always worked very well!
Madeleine: Is it quicker than computers?
Me: “Hum… – no.”
Madeleine: “Easier?”
Me: “Nope.”
Madeleine: “More reliable? More secure? More convenient?”
Me: “No, no, and, errh, no.”
Madeleine, clearly saving her best for last:
“Better for the planet?”
Me: “Well, actually, if you take into account, that, hum…”
Madeleine, turning triumphantly to her mother: “See?”
And off she dashes.

It´s true, we as an industry could go on like we do today almost forever without a full commitment to e-Freight. But there will come a day when we will not only have to answer the questions of short-sighted, short-term focussed cost optimisers but to Madeleine and her friends. And honestly speaking, I´d rather have better answers by then, than I have today.

Thank you for tuning in.
Oliver

Biografie von Skater-Papst Titus Dittmann

[Das Schicksal des Ghostwriters: Vier Monate Interviews, hunderte Stunden Material, 320 Seiten aus meiner Feder und trotzdem nicht auf dem Cover. Aber was solls.]
Titus 1 Foto

 

 

 

 

 

 

 

Prolog
14. Januar 2011, 800 Kilometer westlich von Kabul.

Der Kampfhubschrauber dreht wieder ab. Er macht eine scharfe Wende zurück zu der zweiten Maschine, die ihm aus einiger Entfernung Deckung gegeben hat. Die Sonne blitzt im Glas der Pilotenkanzel auf, aus der offenen Kabinentür ragt ein schweres Maschinengewehr, dahinter der Schemen eines GI. Augenblicke später sind die beiden Maschinen hinter dem nächsten Bergkamm verschwunden. Unsere kleine Zusammenrottung wurde als „non-threatening“ eingestuft, „nicht bedrohlich“.
Recht haben sie.

Ich halte ein kleines Tadschiken-Mädchen an den Händen, sie kichert und juchzt während sie versucht sich auf dem Skateboard zurecht zu finden und ich hoffe, dass es nicht mein ungeschickt gebundener Turban oder meine Tombon, die superleichte, geräumige Hose mit dem Peron drüber ist, der sie so zum Lachen bringt. Der mit der Hand geebnete Ortbeton unter meinen Gummilatschen ist für die Verhältnisse hier perfekt geworden auch wenn kein deutscher TÜV das als genormte Skateboardbahn abnehmen würde. Egal, es ist kein deutscher Prüfer in Sicht und das hier ist nicht Münster/Westfalen, das hier ist Karokh / Afghanistan.
Um uns herum auf der frisch eingeweihten Skateboard-Bahn johlen und kreischen an die 400 Mädchen, die alle eins der 20 vorhandenen Skateboards ergattern wollen. Der Schuldirektor hat diesen Ausnahmezustand genehmigt, weil Uli Gack vom ZDF da ist, um diese für Afghanistan extrem ungewöhnliche Situation für das Auslandsjournal festzuhalten.
Das allein ist schon etwas Besonderes in einem Land, das für Jugendliche eigentlich nur Armut, Fanatismus, Krieg und Drogenanbau bereithält – oder auch gern mal alles vier gleichzeitig.
Zu einem lupenreinen Wunder wird das Gewimmel aber nach Schulschluss aus einem anderen Grund:
Hier skaten Jungen und Mädchen, Paschtunen und Tadschiken, Sunniten und Schiiten, Kinder aus armen und Kinder aus reichen Familien einträchtig nebeneinander – normalerweise undenkbar in einem Land, in dem extrem auf saubere Trennung zwischen Geschlechtern, Volksgruppen und Glaubensrichtungen geachtet wird.
An den Rändern der Anlage hocken die Lehrer, bärtige Männer mit stechendem Blick, die jetzt allerdings eher erstaunt bis ratlos gucken:
„Was machen die vielen Kinder nur mit diesen Mäuseautos?“
Hinter ihnen, an der nahe gelegenen Nachbarschule fehlen etliche Scheiben, bei einem Teil der Gebäude sind die Lehmdächer eingefallen und ein halbes Dutzend Fenster sind nur noch rußgeschwärzte Höhlen.

All das ist nicht ungewöhnlich nach Karokher Maßstäben, aber die Kinder lachen und toben, als lägen hinter der zwei Meter hohen Umgrenzungsmauer keine ärmlichen Lehmhütten ohne Wasser und Strom sondern schnuckelige Villen auf sonnigen Hindukusch-Wiesen.

Plötzlich sind meine Hände leer.
Das Mädchen hat mich losgelassen. Sie steht zwar etwas kippelig, aber sie hält ihre Balance, richtet sich auf, steht auf eigenen Rollen. Ein kleines, stolzes Lächeln macht sich auf ihren Lippen breit. Wenn alles läuft, wie geplant werden ihr noch viele weitere folgen.
Ich gehe wieder hinüber zu Rupert Neudeck, dem Mann, mit dem ich nach Afghanistan gekommen bin und mit dessen Grünhelmen e.V. wir diese Bahn realisiert haben. Er spricht noch mit seinem afghanischen Bauleiter Zobair Akhi, einem freundlichen, zurückhaltenden Mann, ohne dessen Einfühlungsvermögen und eisernen Durchsetzungswillen hier nichts funktionieren würde.
Während ich warte, sehe ich den Kindern zu, wie sie unter Anleitung von Marc Zanger und Maurice Ressel, zwei deutsche Skateboarder, die monatelang das Projekt vor Ort unterstützt haben, mit jedem Pushen mutiger werden, mit jedem kleinen Trick mehr Selbstbewusstsein gewinnen. Kaum klappt etwas, sehen sie stolz zu ihren Lehrern, Freunden, Eltern und Verwandten hinüber, die gekommen sind, um diese seltsame Anlage der Deutschen in Augenschein zu nehmen. Auch der Mullah ist da, wir beäugen ihn vorsichtig, aber der weise alte Herr mit dem typischen Bart nickt wohlwollend. Die anderen Erwachsenen registrieren das genau und die Stimmung wird zusehends gelöster.

Karokh ist nicht nur nach afghanischen Maßstäben eine Idylle und ein krasser Gegensatz zur Großstadt Herat, aus der wir am Morgen gekommen sind. In Herat ist alles fremd in einem Maße, dass man es kaum beschreiben kann. Allein die Gerüche: Dieselabgase, offene Kloaken, verwesender Müll und frisch geschlachtete, noch ausblutende Ziegen am Straßenrand, vermischt mit den leckeren Aromen der Garküchen und Gewürzständen – „atemberaubend“ wäre eine echte Untertreibung. Und dazu die Geräusche, diese Mixtur aus Autohupen, Marktschreiern, Muezzin-Gesängen und immer wieder vorbeilärmenden Polizei- oder Militärkonvois.
Sogar der Himmel mit seinem endlosen Hellblau über Hauswänden voller Einschusslöcher ist anders als alles, was ich je über dem Westerwald gesehen habe.
Es wäre so einfach, sich hier als komplettes Alien zu fühlen: „Falscher Planet, ab zurück ins Raumschiff, Jungs!“.
Aber genau das Gegenteil ist der Fall.

In den vergangenen sechzig Jahren habe ich in Deutschland ein Unternehmen gegründet und fast wieder ruiniert, bin mit dem Drachen abgestürzt und vom Nürburgring  geflogen, habe Orden bekommen, einen Sohn und das schönste Mädchen der Kirchener Disco, wurde zum Skateboard-Papst gehyped und als Geschäftemacher beschimpft, in der Westfalenhalle umjubelt und von Bankern erniedrigt, habe Halfpipes entworfen, vor meinem Lamborghini geposed und mit Tony Hawk gefrühstückt, habe genug Triumphe und Niederlagen für drei Leben gehabt – aber hier, in den kargen Bergen Nordafghanistans fühle ich mich mehr Zuhause, als jemals in meinem Heimatort Kirchen im Siegerland am Fuße des Westerwalds.
Und ich brauche nicht lange zu grübeln, warum das so ist:

Um mich herum skateboarded alles und ich spüre wieder diese wahnwitzige Mischung aus Lebensfreude und Schürfwunden, aus zusammengebissenen Zähnen und stolzem Lachen, aus Individualist sein und zum coolsten Clan der Welt gehören.
Diese Mischung gibt es nur beim Skateboarden.
Ich bin genau da, wo ich hingehöre.

Aber wie zum Teufel bin ich hierhergekommen?

 

Das Cola-Buch

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[Hier der erste Teil des Vorwortes der spaßigen Abrechnung mit den Ernährungs-Diktatoren unserer Zeit]

Aufdrehen.

Brause. Braune Brause.
Gibt es keine wichtigeren Themen?
Früher, aah, früher konnte man wenigstens Kopf und Kragen und jede Menge andere liebgewonnene Körperteile beim Streit darüber riskieren, ob die Erde eine Scheibe sei, ob man aus Blei Gold alchemieren könne und wer nun um wen kreise, die Sonne um uns oder wir um sie.

Jetzt, da wir wissen, dass wir um einen total unbedeutenden Stern links außen am Rand einer ebenso unbedeutenden Balkenspiralgalaxie durch jede Menge Nichts kreisen,

jetzt, wo jeder Grundschüler begriffen hat, dass man nicht nur aus Blei, sondern auch aus Bauschutt aka Credit Default Swaps und Collaterized Mortgage Obligations Gold machen kann und dass das rückwärts fast noch besser funktioniert,

jetzt, wo sogar gläubige Kreationisten in den USA zugeben, dass die Erde eine Kugel ist, wenn auch eine, die pünktlich! am 23. Oktober 4004 v. Chr. erschaffen wurde (beim Datum sind die etwas unentspannt) –

jetzt also: Streiten über Cola?

Ja.

Und vielleicht ist das Thema gar nicht so banal, wie es scheint. Bei der Frage „Wer kreist hier bitteschön um wen?“ ging es ja in Wahrheit um die Frage: „Sind wir Gottes geliebte Krone der Schöpfung oder bloß barfüßige Ex-Affen am Hintern der galaktischen Heide?“
Und bei der Frage: „Cola – darf man das trinken?“ geht es in Wahrheit um die Frage: „Wer bestimmt denn, was wir dürfen?“ Dass diese Frage auch in unserer demokratischen Gesellschaft nach wie vor eine offene ist, hat der exorbitant erfolgreiche Feldzug gegen das Rauchen gerade bewiesen. Und dass diese Frage wirklich wichtig ist, werden auch Nichtraucher und Cola-Belächler spätestens dann einsehen, wenn die EU als nächstes allen Kaffeemaschinen (kein Scherz!) an den Kragen geht.

Stimmt´s, Sie haben noch nie darüber nachgedacht, wie die Wärmeplatte, auf der Sie stundenlang ihren Fairtrade Biokaffee vergessen, unter brutalstmöglichem Stromverbrauch die Klima-Apokalypse herbeiheizt?

Sehen Sie.

Und wie lange glauben Sie eigentlich, hat in einer Welt, in der schon harmlose Glühbirnen den Weg aller Inquisitionsopfer gehen, die Currywurst noch zu leben? Der Kinderriegel? Das Kaminfeuer, vor dem Sie gerade Ihren Retriever kraulen?

White Album: Dear Prudence

Es gibt diesen unglaublichen Moment in der Orgelfuge C-Dur von Bach (BWV 547), gegen Ende, wenn das Thema zum ersten Mal in voller Wucht und Majestät vom tiefen Pedal-Bass gespielt wird. Der hat die gesamte Fuge über bis zu genau diesem Moment geschwiegen – und spielt dann das Thema nicht etwa so, wie es die vier anderen Stimmen vorher gespielt haben, sondern er schickt jede einzelne Note exakt doppelt so lange durch die gerade zur Verfügung stehende Kathedrale, als ginge ihn Zeit und Raum nicht viel an, eine barocke Superzeitlupe für die Ohren.

Und man sitzt leicht fassungslos inmitten des majestätischen Dröhnens, hört, wie die oberen Stimmen das eigentliche Thema der Fuge und alle Motive der letzten 3 Minuten noch einmal (so abgedroschen das klingt) jubelnd in die Höhe werfen und verliert spätestens hier alle Lust, distanziert und kühl auf die Bach´schen Ton-Mathematik zu blicken. Man hat gerade eh´ besseres zu tun, Gänsehaut auf der Seele und vielleicht sogar “was im Auge“…

Das, was Bach hier am Ende des Stückes, im für uns Normaldenker kaum zu erfassenden Gewebe einer fünfstimmigen Fuge tut, dieses plötzliche, hypnotische Verdoppeln der Zeit nennt sich musiktheoretisch „Vergrößerung“ und vollbringt das erstaunliche Kunststück, durch Verlängerung (also eigentlich: Entzerrung) eines Themas seine maximale Intensivierung hervorzurufen.

Ich bin mir sicher, dass John Lennon die C-Dur Fuge nicht kannte. Und wenn er sie kannte, dann hat er auf jeden Fall nie etwas von einer Technik namens „Vergrößerung“ gehört.
 Aber genau diese Technik wendet er am Ende von Dear Prudence an. Nicht im Geflecht einer beinahe größenwahnsinnigen Fugenkonstruktion sondern nur als Finale eines kleinen, netten Popsongs.

Aber die Wirkung ist in etwa dieselbe.

Dear Prudence, geschrieben 1968 von John Lennon im Meditationscamp des Mahareshi Yogi in Indien ist im Grunde eine einzige, um sich selbst kreisenden 2,5-Ton-Melodie, begleitet von einer ähnlich monotonen, ewig wiederkehrenden, ewig absteigenden Basslinie, die nur ab und zu durch eine einfache Kadenz etwas aufgelockert wird.
 Die kleine und natürlich ebenfalls absteigende Gitarrenfigur, die John in der frisch von Donovan erlernten Picking-Technik dazu spielt (der war praktischer Weise auch gerade praktizierender Yogi-Fan und vor Ort), ist genau so seelenruhig mit sich selbst beschäftigt, wie der Rest des Stücks.
 Das passt gut zum Text, zu Johns geduldiger, unermüdlicher, dutzendfach wiederholter Einladung an Prudence, ein Mädchen, dass partout nicht zum Spielen oder besser: zu ihm herauskommen will (die Story dahinter heben wir uns für später auf…).
 Und so kreist das Stück meditativ vor sich hin, um sich selbst und um die zögerliche Prudence, am Leben erhalten von Paul McCartneys pulsierenden Bass- und Schlagzeugspiel.

Aber es wären nicht die Beatles und es wäre nicht das White Album wenn sie den Song nicht noch in eine andere, höhere Umlaufbahn schießen würden, so wie sie es mit den eingestreuten 3/4 Takten in „All you need is Love“ oder der Blaskapelle in der Intro von „Sergeant Pepper“ getan haben.

Ganz am Ende, nachdem John schon alle Register seiner Überredungskunst gezogen hat („Look around!“) und an ungefähr der gleichen Stelle, an der Bach nach einem zögernden, Atem holenden Zwischenspiel den Orgelbass im halben Tempo von der Leine lässt, beginnt das kleine Wunder:

Nach einem unruhigen, vom Schlagzeug zertrommelten Zwischenspiel, das zugleich auf der Stelle tritt und Spannung aufbaut, beginnt Paul wieder seine übliche Abwärts-Figur zu spielen.
 Aber diesmal, wie bei Bach, erklingt jeder Ton seines Bass-Themas plötzlich doppelt so lang wie zuvor, pulsierend – treibend, mit vielen Anschlägen zwar – aber vor allem exakt halb so schnell, oder doppelt so lang, oder wie auch immer man es nennt.
 Und über diesen Abstieg (man weiß nicht genau warum, aber er ist triumphal) setzen die E-Gitarren ein mit etwas, das Komponisten „Gegenbewegung“ nennen: eine Melodie, die höher und höher aufsteigt, je tiefer der Bass in die Tiefe schlendert. In Sekunden wächst der eigentlich enge Tonraum über sich hinaus, das Schlagzeug treibt, das Klavier hämmert, der Backgroundchor Aaaahht! einen 3 stimmigen Heiligenschein drumherum und alles ist erlöst, lächelnd, fast euphorisch. Wir sitzen in einer kleinen, nur vier Takte dauernden Pop-Kathedrale, grinsend über beide Ohren, und gleichzeitig, auf eine leicht bekiffte Art, in Andacht versunken.

Bach hätte sich gefreut.